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Totengräber der Intuition, Teil 1: Herbert A. Simon

Aktualisiert: 14. Juli 2023

Obwohl die menschliche Intuition unter bestimmten Bedingungen der rationalen Analyse überlegen sein kann, dominieren in Forschung und Praxis noch immer Vorstellungen, die Intuition mit einem generellen Makel gleichsetzen. Einige wenige sehr einflussreiche Forscher auf diesem Gebiet haben diese Sicht wesentlich mitgeprägt. Ich bezeichne sie daher überspitzt als „Totengräber der Intuition“. Einer dieser Forscher ist der Nobelpreisträger Herbert A. Simon. Um ihn geht es in diesem Blog.


Intuition als wiederholte Analyse

Simon ist bzw. war eine der einflussreichsten Stimmen in Bezug auf intuitive Entscheidungen. Seine Auffassung basiert auf dem Konzept der Mustererkennung und der Erfahrung des Entscheidungsträgers. Diese Sichtweise ist zwar grundsätzlich aufschlussreich, letztlich aber auch sehr einseitig.

Dies beginnt damit, dass Simon die Intuition nicht als eigenstände Form des Denkens betrachtet, sondern als eine rationale Analyse, die wir so lange gewohnheitsmäßig ausgeführt haben, dass wir sie ohne Nachdenken ausführen können. Ein prototypisches Beispiel für diese Ansicht war für Simon der sehr gute Schachspieler, dem ein kurzer Blick auf das Schachbrett genügt, um einen gekonnten Zug abzuleiten. Intuition ergibt sich demnach durch die wiederholte Anwendung analytischen Denkens, so dass im Laufe der Zeit wiederkehrende Muster entstehen. Auf diese kann man dann in sich wiederholenden oder zumindest ähnlichen Situationen zurückgreifen und die Situation so effektiv bewältigen. Intuition ist demnach die Reproduktion von Erfahrungswissen. So weit so gut.


Der Mensch als Computer

Hinter Simons Sicht auf die Intuition steckt die Prämisse, dass Menschen und Computer in ihrem Denken bzw. ihrer Informationsverarbeitung grundsätzlich gleich oder zumindest sehr ähnlich operieren. Beide basieren auf dem gleichen Typ der Mustererkennung und arbeiten Informationen streng sequenziell, also eine nach der anderen, ab. Die Möglichkeit einer parallelen oder holistischen Form der Informationsverarbeitung, wie sie für viele Ansätze der Intuition heute charakteristisch ist, lehnte Simon strikt ab (vgl. Simon 1993, S. 405). Für Simon sind intuitiv verarbeitete Informationen explizit, diskret und zählbar. Jeder Prozess der Informationsverarbeitung lässt sich für ihn entsprechend in kleinste Einheiten, die sogenannten „elementaren Informationsprozesse“, zerlegen (vgl. Simon/​​​Newell 1964, S. 282).

Simons Ansicht, dass sich die Wirklichkeit vollständig durch eine regelbasierte Logik erschließen ließe, vernachlässigt allerdings die Tatsache, dass reale Entscheidungsprobleme oft mehrdeutig sind und verschiedene Interpretationen (oder Logiken) zulassen (vgl. Julmi 2019). Für Simon gibt es verschiedene Interpretation nur aufgrund eines Informationsmangels, aber nicht aufgrund verschiedener, gleichermaßen gültiger Sichtweisen auf dieselben Informationen.

Diese enge Sicht wird dem Facettenreichtum menschlicher Entscheidungssituationen nicht gerecht. Soll man beispielsweise einem Mitarbeitenden mit schlechter Leistung ein ehrliches Feedback geben, obwohl man weiß, dass dies dessen Selbstbewusstsein und damit am Ende auch seine Leistung weiter verschlechtern würde? Die Schwierigkeit, diese Frage zu beantworten, hat nichts mit einem Informationsmangel, sondern mit dem moralischen Standpunkt der Führungskraft zu tun (vgl. Julmi im Erscheinen). Es gibt Ambivalenzen, die sich nicht ohne Verluste wegreduzieren lassen, weil sie für die Realität konstitutiv sind. Dafür brauchen wir unsere Intuition, die – anders als unser analytischer Verstand – ganzheitlich mit mehrdeutigen Eindrücken umgehen kann.


Simons schlechter Einfluss

Ich bezeichne Simon als Totengräber der Intuition, weil seine Sichtweise auf die Intuition dazu geführt hat, dass das Potenzial der Intuition, mit mehrdeutigen Eindrücken ganzheitlich und parallel umzugehen, nicht ausreichend anerkannt wurde. Seine Betonung der Mustererkennung und der Erfahrung des Entscheidungsträgers ist zweifellos wertvoll, aber seine Perspektive ist letztlich einseitig und verstellt den Blick auf das produktive Vermögen intuitiver Informationsverarbeitung.

Die Beschränkung der Intuition auf reproduzierte Lösungen lässt keinen Raum für die kreative und innovative Natur der Intuition. Dadurch wird das einzigartige Potenzial der Intuition, mehrdeutige Situationen ganzheitlich zu erfassen und neue Lösungen hervorzubringen, nicht gewürdigt.

Simons Sichtweise hat einen erheblichen Einfluss auf die allgemeine Wahrnehmung der Intuition gehabt. Sie führte dazu, dass der Mehrwert der Intuition gegenüber der rationalen Analyse nicht gesehen oder abgelehnt wurde. Dies hatte zur Folge, dass das Verständnis der Intuition in Forschung und Praxis noch heute stark eingeschränkt erscheint.

Aus meiner Sicht ist es von großer Bedeutung, sich bewusst zu machen, dass Intuition mehr ist als nur eine reproduktive Analyse. Es sollte daher eine breitere Diskussion über die Natur und den Wert der Intuition als einzigartiger menschlicher Fähigkeit geführt werden. Nur durch eine umfassendere Betrachtung der Intuition kommen die Vorzüge, die sie in realen Entscheidungsfindungsprozessen bieten kann, zum Vorschein und kann sich gegenüber einem rational-analytischen Denken als eigenständige Form des Denkens behaupten.


Literatur

Julmi, Christian: Analysis and intuition effectiveness in moral problems, in: Journal of Business Ethics (im Erscheinen), https://doi.org/10.1007/s10551-023-05407-y

Julmi, Christian: When rational decision-making becomes irrational. A critical assessment and re-conceptualization of intuition effectiveness, in: Business Research 12 (1/2019), S. 291-314

Simon, Herbert A.: Decision making. Rational, nonrational, and irrational, in: Educational Administration Quarterly 29 (3/1993), S. 392-411

Simon, Herbert A./Newell, Allen: Information processing in computer and man, in: American Scientist 52 (3/1964), S. 281-300


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