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Wohin legt sich der Wind? Gegen eine Ontologie der Atmosphären

Die Atmosphärenforschung untersucht vor allem die Atmosphären, die wir unmittelbar vor uns haben: Atmosphären (in) der Natur, der Stadt, der Architektur, der Kunst. Atmosphären wird hierbei meist ein quasi-objektiver ontologischer Status zugeschrieben. Hermann Schmitz bezeichnet Atmosphären in diesem Zusammenhang als Halbdinge. Für ihn sind Atmosphären objektive Mächte, in die der Mensch wie in einen Sturm hineingerät. In ähnlicher Weise spricht Tonino Griffero von Atmosphären als Quasi-Dingen, zu denen beispielsweise auch der Wind gehört.


Wo kommt die Atmosphäre her, wo geht sie hin?

Für Griffero ist die Frage „Was macht der Wind, wenn er nicht weht?“ eine ausgezeichnete, wenngleich beunruhigende und verstörende philosophische Frage“ (Griffero 2021, S. 77). Dem stimme ich voll und ganz zu! Ich stimme mit Griffero allerdings nicht überein, es würde keinen guten Sinn machen zu fragen, wo die Atmosphäre sei, wenn sie noch nicht oder nicht mehr da ist (vgl. ebd.).

Für mich macht diese Frage einen sehr guten Sinn. Mein Vorschlag ihrer Beantwortung lautet: Sie sind schon und noch da, und zwar im atmosphärischen Zeit-Raum unseres Leibes! Aber in einer potenziellen, nicht in einer ‚aktivierten‘ oder ‚evozierten‘ Form.


Die Geschichte der Atmosphäre

Haben Atmosphären, die einen Menschen ergreifen, eine Geschichte, in der und durch die sie entstehen? Auf jeden Fall! Aus meiner Sicht können die meisten Atmosphären (des Gefühls) nur durch die Aufarbeitung ihrer Geschichte verstanden und schließlich verändert werden. Die Phänomenologie der Atmosphären muss daher Eingang in die Psychologie, aber auch – schließlich sind Atmosphären oft Gruppenphänomene – in die Soziologie finden. Die Anhänger einer Fußballmannschaft versammeln sich vor dem Spiel und ‚stimmen‘ sich auf das Spiel ein. Ohne das Spiel gibt es keine Atmosphäre. Doch woher kommt diese Atmosphäre vor der Versammlung und wie ist sie mit dem Spiel verknüpft? (zur Relevanz der Atmosphäre im Fußballstadion vgl. Gugutzer 2020.)

Selbst wenn sich Atmosphären wie der Wind erheben und über einen hinwegfegen können, tun sie das in unserer Alltagserfahrung meist eher nicht. In der Regel entstehen Atmosphären nicht spontan, sondern werden hervorgerufen, nicht selten durch Interaktionen mit anderen. In solchen Fällen spielt die kollektive Geschichte aller Beteiligten in der Regel eine zentrale Rolle bei der Evokation der gemeinsamen Atmosphäre.


Die Beteiligung des Subjekts bei Atmosphären

Eine ruhige Parkallee, das romantische Mondlicht oder die verträumte Bucht werden zu einer bedrohlichen Kulisse, wenn sie mit der Gefahr eines Überfalls oder Übergriffs assoziiert sind, z. B. weil es in der Geschichte eines Menschen einen solchen gab. Für den Verliebten scheint das Mondlicht hell, für einen Einbrecher ist es ein Ärgernis. Wer empfindet die ‚richtige‘ Atmosphäre? Und wo ist die Atmosphäre des anderen?

Die Rolle des Subjekts bei der Evokation von Atmosphären wird umso deutlicher, wenn wir Atmosphären betrachten, denen die phänomenologische Forschung bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat: Atmosphären wie Eifersucht, Gier, Geiz, Eitelkeit, Ressentiment ergreifen den Menschen gleichsam aus ihrem Rücken. D.h., die Atmosphäre hat uns zwar im Griff, aber wir haben die Atmosphäre nicht vor uns. Die Betroffenen werden in der Regel weder erkennen noch zugeben, dass sie im Bann solcher Gefühle stehen. Hier stößt die naive Phänomenologie, die nur das beschreibt, was sie vermeintlich sieht, an ihre Grenzen. Wir müssen die Rückseite der Phänomene untersuchen, um beurteilen zu können, was wir vor uns sehen.


Für eine Epistemologie der Atmosphären

Woher kommt die Atmosphäre des Unbehagens, die allmählich aufsteigt, bis sie nicht mehr ignoriert werden kann? Hier folge ich der genesischen Phänomenologie von Guido Rappe, die die Antwort gibt: Aus dem Unterschwelligen des Leibes. Dieses Unterschwellige ist in der eigenen Biografie und Sozialisation verwurzelt (was mit dem Begriff der persönlichen Situation von Schmitz nur unzureichend erfasst wird).

Gemeinsam mit Rappe (2023) plädiere ich daher für eine Epistemologie der Atmosphären anstelle einer Ontologie der Atmosphären, die die Geschichte konkreter und ‚persönlicher Situationen‘ als zentral für die Genese, die Evokation und das Verständnis von Atmosphären anerkennt. Das bedeutet auch, dass wir nicht nur eine Phänomenologie der Atmosphären brauchen, sondern auch eine Psychologie und eine korrespondierende Soziologie der Atmosphären, die im Wesentlichen eine Psychologie und eine Soziologie des Leibes ist.


Literatur

Griffero, Tonino: The atmospheric "we". Moods and collective feelings, Milan 2021

Gugutzer, Robert: Geisterspiele im Fußball. Zur Macht von Atmosphären im Sport, in: Sport und Gesellschaft 17 (3/2020), S. 319-326

Rappe, Guido: Leib, Sprache und Phänomen: Methodische und erkenntnistheoretische Aspekte der Leib-phänomenologischen Sprach-Philosophie. Die Leiblichkeit der Sprache II: Eine Einführung in die Leib-phänomenologische Sprach-Philosophie, Osaka 2023 (Manuskript)

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